Warum ANUAS?
Der Name ANUAS wurde bei der Gründung unserer Organisation bewusst gewählt. Hinter ihm stehen sowohl eine sprachliche Herkunft als auch ein fachliches Verständnis, das unsere Arbeit bis heute prägt.
Der Name ANUAS wurde bereits in der Gründungsphase unserer Organisation 2007/2008 bewusst gewählt. Er sollte nicht lediglich einen Wiedererkennungswert schaffen, sondern einen Gedanken ausdrücken, der bis heute eng mit unserem Verständnis von Opferhilfe verbunden ist.
Das irische Wort „anuas“ bezeichnet eine Bewegung von oben herab beziehungsweise von oben nach unten. Diese sprachliche Bedeutung wurde für die Arbeit des ANUAS aufgegriffen und im Laufe der fachlichen Entwicklung unserer Organisation um eine weitere Ebene ergänzt.
Denn schwere Gewalterfahrungen und insbesondere die Tötung eines nahestehenden Menschen betreffen einen Menschen niemals nur in einem einzelnen Lebensbereich.
Von der Psyche zum Körper
Die Darstellung in unserer Grafik – „von der Psyche zum Organ“ – steht deshalb sinnbildlich für einen wesentlichen Bestandteil unseres ganzheitlichen Verständnisses.
Psychische Belastungen bleiben nicht zwingend auf das seelische Erleben begrenzt. Massive und langanhaltende Belastungen können sich auf körperliche Funktionen, das gesundheitliche Befinden, den Schlaf, die Konzentrationsfähigkeit, die Leistungsfähigkeit und zahlreiche weitere Bereiche des täglichen Lebens auswirken.
Gerade bei Mit-Opfern von Tötungsdelikten können verschiedene Belastungsebenen zusammentreffen. Der gewaltsame Tod eines nahestehenden Menschen bildet dabei häufig nur den Ausgangspunkt einer wesentlich umfassenderen Belastungsentwicklung.
Zu der unmittelbaren Erfahrung des Verlustes können weitere Faktoren hinzukommen: das Erleben der Todesumstände, ungeklärte Fragen zum Tatgeschehen, Ermittlungs- und Strafverfahren, Begegnungen mit Behörden und Institutionen, Informationsdefizite, rechtliche Auseinandersetzungen, mediale Berichterstattung, finanzielle oder berufliche Folgen sowie Veränderungen innerhalb des sozialen Umfeldes.
Deshalb greift es aus unserer Sicht zu kurz, ausschließlich von Trauer oder ausschließlich von einer psychischen Belastung zu sprechen.
Der Mensch ist mehr als seine psychische Reaktion
ANUAS betrachtet den Menschen in seiner psychischen, körperlichen, sozialen und existenziellen Gesamtsituation.
Diese Perspektive ist für unsere Arbeit von zentraler Bedeutung. Die Folgen eines Tötungsdeliktes können sich gegenseitig beeinflussen und verstärken. Eine psychische Belastung kann körperliche Beschwerden begünstigen. Gesundheitliche Einschränkungen können wiederum berufliche oder finanzielle Probleme nach sich ziehen. Soziale Beziehungen können sich verändern. Gleichzeitig können belastende Erfahrungen mit Institutionen oder langwierige Verfahren die Verarbeitung des ursprünglichen Gewaltereignisses zusätzlich erschweren.
Es entsteht damit keine einfache lineare Belastung, sondern häufig ein komplexes Geflecht unterschiedlicher Folgen.
Genau hier setzt das Verständnis des ANUAS an.
Wir fragen deshalb nicht nur:
„Wie geht es einem Menschen psychisch?“
Wir fragen ebenso:
Was hat die Tat mit seinem gesamten Leben gemacht?
Welche gesundheitlichen Folgen sind entstanden? Welche sozialen Beziehungen haben sich verändert? Welche rechtlichen und institutionellen Belastungen bestehen? Welche finanziellen oder existenziellen Folgen sind hinzugekommen? Welche Informationen fehlen? Wo wird Schutz benötigt? Welche Unterstützung ist tatsächlich hilfreich?
Mit-Opfer von Tötungsdelikten im Mittelpunkt
Im Zentrum unserer Arbeit stehen Mit-Opfer von Tötungsdelikten.
Mit diesem Begriff machen wir bewusst deutlich, dass Menschen, deren Angehörige oder nahestehende Personen durch eine Gewalttat getötet wurden, nicht lediglich Beobachter eines fremden Geschehens sind.
Der Tod betrifft sie unmittelbar.
Sie müssen mit den Folgen der Tat weiterleben und können dadurch eine eigene Opferrealität entwickeln. Diese kann psychische und körperliche ebenso wie soziale, familiäre, berufliche, finanzielle, rechtliche und existenzielle Dimensionen umfassen.
Eine angemessene Unterstützung muss deshalb über einzelne Hilfsangebote hinausgehen. Sie benötigt Wissen über Opferrechte, psychosoziale Belastungsmechanismen, institutionelle Abläufe und die besonderen Folgen von Tötungsdelikten.
ANUAS verbindet aus diesem Grund Betroffenenkompetenz und Fachkompetenz.
Ganzheitliche Opferhilfe bedeutet auch Schutz
Ganzheitlichkeit bedeutet für uns nicht, möglichst viele Maßnahmen anzubieten. Sie bedeutet vielmehr, genau hinzusehen, welche Unterstützung einem Menschen tatsächlich hilft und welche zusätzlichen Belastungen vermieden werden müssen.
Mit-Opfer benötigen nicht in jeder Situation dieselbe Form der Hilfe.
Manche benötigen zunächst Orientierung und verständliche Informationen. Andere benötigen Unterstützung im Umgang mit Behörden oder bei der Suche nach geeigneten fachlichen Ansprechpartnern. Wieder andere brauchen geschützte Räume, in denen nicht das Tatgeschehen wieder und wieder erzählt werden muss, sondern Stabilisierung, Ressourcen und die Gestaltung des weiteren Lebens im Vordergrund stehen.
Opferhilfe muss deshalb auch darauf achten, dass Hilfesysteme nicht unbeabsichtigt zu neuen Belastungen führen.
Zu unserem Verständnis gehören daher gleichermaßen:
- Schutz und Stabilisierung,
- Information und Orientierung,
- Stärkung von Opferrechten,
- gesundheitliche und psychosoziale Perspektiven,
- gesellschaftliche Teilhabe und soziale Sicherung
- sowie die Verantwortung von Institutionen und Gesellschaft gegenüber Betroffenen schwerer Gewalt.
Warum dieser Name bis heute zu unserer Arbeit passt
Die ursprüngliche Bedeutung von ANUAS – „von oben herab / von oben nach unten“ – hat für uns damit über die Jahre eine zusätzliche fachliche Dimension erhalten.
Die Bewegung „von oben nach unten“ findet sich symbolisch in der Verbindung zwischen Psyche und Körper, aber ebenso in unserem Anspruch, Auswirkungen einer Gewalttat nicht isoliert zu betrachten.
Vom Ereignis zu seinen Folgen.
Von der psychischen Belastung zu möglichen körperlichen Auswirkungen.
Von institutionellen Entscheidungen zu ihren Konsequenzen für Betroffene.
Von gesetzlichen Regelungen zu ihrer tatsächlichen Wirkung im Leben eines Mit-Opfers.
Und von gesellschaftlicher Verantwortung zu konkretem Schutz und konkreter Unterstützung.
Damit steht ANUAS heute für eine ganzheitliche Perspektive auf die Folgen schwerer Gewalterfahrungen.
Unser Ziel ist nicht, Menschen auf eine Diagnose, einen Opferstatus oder ein einzelnes Problem zu reduzieren. Im Mittelpunkt steht der Mensch mit seiner gesamten Lebenswirklichkeit – mit seinen Belastungen, seinen Rechten, seinen Ressourcen und seinem Anspruch darauf, nach einer schweren Gewalterfahrung respektiert, informiert, geschützt und fachlich angemessen unterstützt zu werden.
ANUAS – Hilfe weiterdenken
Der Name beschreibt deshalb inzwischen weit mehr als seine sprachliche Herkunft.
Er steht für einen fachlichen Grundsatz unserer Arbeit:
Schwere Gewalt wirkt nicht nur auf einen einzelnen Bereich des Lebens. Deshalb darf auch Opferhilfe nicht nur einen einzelnen Bereich betrachten.
ANUAS steht für eine Opferhilfe, die Zusammenhänge erkennt, Belastungsfolgen ernst nimmt und Mit-Opfer von Tötungsdelikten als Menschen mit einer eigenständigen Opferrealität in den Mittelpunkt stellt.
Psychisch. Körperlich. Sozial. Rechtlich. Existenziell.
Und immer mit dem Ziel, Schutz, Orientierung, Selbstbestimmung und gesellschaftliche Verantwortung zu stärken.