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Zur ANUAS-Themenwoche im August 2017 wurde der Startfilm gedreht, zur Aufklärungs-Film-Reihe „PTBS – Auswirkungen nach einer tödlichen Gewalttat“.

Die DVD zum Aufklärungsfilm kann über den ANUAS, schriftliche unter: info@anuas.de angefordert werden.

Video/Film

Video der Bild-Zeitung zur ANUAS Themenwoche 2018 | Bild-Zeitung

Von J.F. LANGSHAUSEN, A. PAULY, C. WEINGÄRTNER und PARWEZ (Fotos)

Berlin – Karin (36), Richard (60) und Denise (20) sitzen im Frühstücksraum eines Drei-Sterne-Hotels im Berliner Bezirk Lichtenberg, und vielleicht hätten sie sich unter anderen Umständen nicht viel zu sagen. Eigentlich kennen sie sich nicht mal besonders gut. Trotzdem fühlen sie sich einander nah.

Alle drei haben einen geliebten Menschen verloren – weil jemand beschloss, das Leben ihrer Angehörigen auszulöschen.

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Karin, Richard und Denise sind drei von 30 Teilnehmern, die der Bundesverband Anuas e.V. vergangene Woche nach Berlin geladen hatte. Die Hilfsorganisation unterstützt seit zehn Jahren Angehörige von Mord-, Tötungs-, Suizid- und Vermisstenfällen, veranstaltet einmal jährlich ein Treffen, bei dem Betroffene sich austauschen, Mut machen, Kraft sammeln können.

„Wir hatten in diesem Jahr 180 Anmeldungen", sagt Vorstandsvorsitzende Marion Waade (59), „doch ein Großteil kann sich eine Reise nach Berlin nicht leisten, weil der Schicksalsschlag in den meisten Fällen mit einem sozialen Abstieg verbunden ist: Viele verlieren ihren Job, bekommen finanzielle Probleme. Und unsere Spendengelder lassen es leider auch nicht zu, für alle Interessierten die Kosten zu übernehmen."

BILD durfte die Themenwoche begleiten, nahm an Workshops, Vorträgen, Gesprächsrunden teil – und erzählt stellvertretend für alle Teilnehmer die Geschichten von Karin, Richard und Denise.

Wollen Sie Anuas helfen, künftig noch mehr Angehörigen helfen zu können? Dann spenden Sie: ANUAS e.V. – KD-Bank e.G. BIC: GENODED1DKD IBAN: DE65 3506 0190 0000 801801

KARIN G. (36) aus Zella-Mehlis (Thüringen) verlor 2011 ihre Tochter Mary-Jane (†7)

„Ein Metzger erdrosselte meine Tochter und warf sie in den Bach“

Sie zog weg aus Zella-Mehils (Thüringen), verließ das Dorf, in dem ihre Tochter starb. Nach und nach packte Karin G. (36) ihre Sachen weg, ganz wie die Therapeuten es empfohlen hatten. Sie heiratete ihren neuen Freund, legte ihren Mädchennamen ab, und versuchte, Abstand zu schaffen zu diesem alten Leben, in dem ihre Welt noch in Ordnung war.

Der Schmerz aber ließ sich nicht beeindrucken von den Umzugskisten und ihren Bemühungen. Er kam mit in ihre neue Heimat, ein sächsisches Dorf an der deutsch-tschechischen Grenze – und bleibt. „Mary-Jane ist nächstes Jahr genau so lange tot wie sie gelebt hat“, sagt Karin G. (36). „Es tut trotzdem noch genauso weh wie an Tag 1.“

Der Mord an Mary-Jane (†7) schockte im Juni 2011 ganz Deutschland: Karins Nachbar Tino L., ein gelernter Fleischer (damals 38), hatte die Erstklässlerin missbraucht, ihr dann einen Bademantelgürtel um den Hals gelegt, ihr die Luft abgeschnürt, ihre Leiche in einen Bach geworfen.

Der Täter bekam lebenslänglich – und Karin auch. So, sagt sie, fühle es sich jedenfalls an. „Ich bin einfach nicht mehr frei seit damals, mein Gefängnis ist schlimmer als seins. Ich kann ganz viele, einfach Dinge nicht mehr machen. Partys, Disco, Konzerte, all das funktioniert nicht mehr, da müsste nur ein falscher Song kommen und ich würde zusammenbrechen.“

Ihr Arzt hat ihr Cannabis verschrieben, 60 Gramm bekommt Karin im Monat, das reicht für sieben Joints am Tag. „Die stellen meinen Kopf ruhig, ohne sie geht es nicht mehr. Ich habe zwei verschiedene Zusammensetzung, eine zum wach sein und eine, damit ich schlafen kann“, sagt sie. Zwei Tage in der Woche arbeitet sie als Küchenhilfe. „Mehr geht einfach nicht. Ich lebe von 800 Euro Rente.“

Karin malt, das hilft ihr – und graviert Steine. „Auf die Idee kam ich damals, weil ich gern etwas Eigenes auf der Urne meiner Tochter haben wollte.“

Die Urne, sie steht auf einem Skateboard in einem kleinen Zimmer, das Karin gerade für Mary-Jane eingerichtet. „Das ist mein Rückzugsort zum Trauern, nachts um drei kann ich ja schlecht auf den Friedhof. Mary-Jane ist tot, aber in meinem Kopf wächst sie mit. Ich stelle mir immer vor, wie sie jetzt gerade wäre – im Moment wahrscheinlich ein rebellierender Teenager.“

Bei der Anuas-Themenwoche war sie jetzt schon zum dritten Mal. „Hier muss ich mich nicht verstellen, mich nicht entschuldigen für den Knacks, den ich inzwischen habe“, erklärt sie, „und auch nicht für die Tränen, die immer wieder und gerne auch sehr plötzlich kommen.“

Wenn sie in die Zukunft blickt, sieht Karin ein weißes Blatt Papier. „Alles, was da war, wurde mit Mary-Janes Tod wegradiert“, sagt sie, „Ich habe eigentlich nur den Wunsch, dass ich dieses Blatt eines Tages wieder füllen kann. Womit, das weiß ich noch nicht.“

Ein Baby wird es jedenfalls nicht sein. Noch ein Kind in diese Welt zu setzen, in der Menschen wie der Mörder ihrer Tochter leben: Das schließt sie aus.

DENISE L. (20, Auszubildende) aus Muhr am See (Bayern) verlor 2016 ihre Schwester Monique (†26)

„Meine Schwester wurde von ihrem Mann erwürgt“

Sie saß im Unterricht, hatte gerade eine Einser-Klausur zurückbekommen an diesem 4. Mai 2016, als das Telefon ihrer Lehrerin klingelte. Sie habe sie direkt so seltsam angesehen, sagt Denise L. (20), und deshalb habe sie gleich gewusst, dass etwas nicht stimmte. Vielleicht, dachte sie auf dem Weg zum Schul-Sekretariat, ist was mit Oma?

Vor dem Sekretariat warteten ihre Eltern und eine Botschaft, die die Zehntklässlerin laut aufschreien ließ: Ihre acht Jahre ältere Schwester Monique (†26) war von ihrem Ehemann erwürgt worden – während die gemeinsame Tochter im Nachbarzimmer den Todeskampf ihrer Mutter verfolgte. „Ich brach auf dem Schulflur zusammen, in mir war nur noch Leere“, sagt Denise.

Ein paar Tage vor ihrem Tod hatte Monique noch mit Denise zusammengesessen – und ihr erzählt, dass sie Angst vor ihrem Mann hat. „Sie hatte sich getrennt, sagte mir, dass er vielleicht mit einem Messer auf sie losgehen könnte“, erinnert sich Denise. „Ich habe ihr nur gesagt, dass wir das alles schaffen und dass ich sie lieb habe. Dann fuhr sie mit ihrem roten Auto los. Es war das letzte Mal, dass ich sie sah.“

Der Bestatter hatte der Familie geraten, sich den toten Körper von Monique nicht anzuschauen. „Er hat sie vier Minuten lang gewürgt, sie war wohl so entstellt, dass man die Spuren nicht hätte überschminken können“, sagt Denise, „Es war schrecklich, sich nicht verabschieden zu können.“

In den Wochen nach dem Tod ihrer Schwester nahm Denise acht Kilo ab. „Ich konnte einfach nicht essen. Eigentlich saß ich nur am Fenster und wartete darauf, dass sie mit ihrem roten Auto gleich wieder um die Ecke kommt.“

Eineinhalb Jahre lang ging Denise jeden Freitag zur Therapeutin, auch mit ihren Eltern, ihren Geschwistern und ihrem Freund Samuel (20) spricht Denise immer wieder viel über die Tat. Seit September macht sie eine Ausbildung zur Ergotherapeutin. „Ich weiß ja, dass es irgendwie weitergehen muss“, sagt sie. „Aber begleiten wird mich diese Sache immer. Wirklich immer. Wenn ich an Monique denke, denke ich an ihr Lachen. Es ist ganz oft so, als säße sie neben mir, wie so ein Engel.“

Mit Mama Miriam (48) kam sie zur Anuas-Themenwoche nach Berlin. „In den ersten Tagen hat es mich total runtergezogen, hier so viel über das Thema Mord und Totschlag zu hören“, sagt sie, „aber irgendwie ist es gut zu wissen, dass man mit seinen Sorgen, seiner Wut auf den Täter nicht alleine ist. Hier versteht einen jeder.“

RICHARD W. (60, Bauingenieur) aus Bad Nauheim (Hessen) verlor 1979 seinen Bruder Michael (†17)

„Mein Bruder wurde erstochen – und der Täter läuft frei herum“

Seit 39 Jahren trägt Richard W. nur noch Schwarz. Einmal, sagt er, habe er es mit einem weißen Hemd probiert. Aber es ging nicht, fühlte sich falsch, beklemmend an.

Die Sache mit den dunklen Klamotten begann im Sommer 1979 – bei der Beerdigung seines Bruders Michael (†17). „Ich war damals 21, der Doppelmord an meinem Bruder und seiner Freundin Petra zog mir den Boden unter den Füßen weg“, sagt er, „Michaels Mörder fesselte ihn mit Schnürsenkeln, zog ihm das T-Shirt über den Kopf und rammte ihm ein Messer in den Rücken, dann dreifach ins Herz. Diese Vorstellung macht mir auch nach fast vier Jahrzehnten noch Alpträume.“

Die Polizei ermittelte damals wochenlang, schnappte erst drei Jahre später einen Tatverdächtigen, dem ein anderer Doppelmord mit vielen Parallelen zum alten Fall zur Last gelegt wurde. Im Rahmen eines Indizienprozesses wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt.

Der Mann leugnete die Taten, starb später an einer Krebserkrankung. Richard W. hält den Verurteilten nicht für den wahren Täter: „Ich erfuhr 1986, dass es ein ehemaliger Freund von mir meinen Bruder und seine Freundin umgebracht hatte“, sagt er, „ging zur Polizei, zeigte ihn an, doch mir glaubte niemand. Ich bin bis heute von seiner Schuld überzeugt, aber die Ermittlungen wurden nicht mehr aufgenommen, weil es eben schon jemanden gab, der dafür im Gefängnis gesessen hatte.“

Bis heute hat keiner in der Familie die Tat verarbeitet – Richard versucht es zumindest immer wieder. Bei der Anuas-Themenwoche zeichnet er bei einem Kreativworkshops eine alte Frau in einem Bett. „Wir sollten etwas malen, was uns in den vergangenen Wochen bewegt hat“, sagt Richard. „Meine Mutter ist 82, liegt im Sterben. Jetzt wäre das letzte Mal Gelegenheit, mit ihr über Michaels Tod zu sprechen. Aber es ist und bleibt ein Tabuthema, wir konnten tatsächlich nie wirklich darüber reden.“



Gericht verweigert Großmutter Umgang mit Enkelin | Exakt | MDR

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"Ohne Erbarmen: Wie Gewaltopfer von Behörden schikaniert werden"

"Opfer von Gewalttaten haben in Deutschland gesetzlichen Anspruch auf Entschädigung. Doch anstatt zu helfen schikanieren viele Behörden die Opfer."

Beitrag in der Sendung "Panorama" vom 07.03.2013 | 8 Min. | Quelle: NDR


Dank den ANUAS-Helfern

Eine Danksagung vom BV ANUAS e. V. an alle Helfer.

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Hubertus Siegert – Ein Interview zum Dokumentarfilm – „Von Tätern und Opfern“ beim SBS Radiostudio in Melbourne vom 30.09.2015


Viktor Frankl - Sinn des Lebens, Sinn des Leidens
Ein Beitrag von: Schreiber, Justina auf Radio Bayern 2
Stand: 15.07.2015

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